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Erfahrungsbericht für Kfar Rafael

Beschreibung für die Einsatzstelle Kfar Rafael der Entsendeorganisation Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. vom November 20131

Typischer Tagesablauf

Vor August 2012:
Nach meinem Abitur war ich mir sicher, das mir ein Jahr „draußen in der fernen Welt“ gut tun würde. Die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiner e.V. stellen ein breites Spektrum an verschiedenen Dienstellen in so gut wie allen Ländern der Erde bereit, unter anderem auch in Israel. Ich habe so viel über die einzigartige Mentalität und der wundervollen Natur gehört, da dachte ich mir warum nicht – ab hin für ein Jahr.
Kfar Rafael meldete sich gleich 3 Tage nach meiner Bewerbung mit einem „Wir würden uns freuen dich für ein Jahr bei uns zu haben.“ Und so machte ich mich nach einem tollen Vorbereitungsseminar in Singen, am 5. August 2012 auf den Weg in das Kfar.

Kfar Rafael
Das am Stadtrand von Beer Sheva liegende Kfar Rafael ist eine sozialtherapeutische, anthroposophisch orientierte Dorfgemeinschaft.
Die Gründer die vor 30 Jahren das Kfar aufgebauten, hatten die Idee von einem gemeinsamen „Leben & Arbeiten“ mit behinderten Menschen. Seit dem wurde das Gelände erweitert. 7 Häuser stehen zur Verfügung, wo bis zu 8 Behinderte im Alter von 23- 75 Jahren, mit Hausmutter & Hausvater und deren Kindern leben.
Sehr wichtig ist die Mithilfe von bis zu 4 Freiwilligen pro Haus, die sich um das persönliche Wohl der „Villager“ – wie die Behinderten dort genannt werden – kümmern. Es gibt einen gemeinsamen Tagesablauf. Man ist von dem Wecken um 7 Uhr bis zu dem „Zu Bett gehen“ um 21 Uhr zusammen.
Dazwischen wird die Zeit genutzt um zu Arbeiten: Bäckerei, Landwirtschaft, Gemüsegarten, Weben, Kerzenziehen, Wäscherei, Ziergarten, Foodproduction, Papierwerkstatt oder das Zubereiten des Mittagessens. Je nach Können und Gebrauch wird jeder im Dorf eingeteilt.
Der Ertrag bleibt größten Teils im Dorf: Da wird der Pfirsich geerntet, weiter in die Foodproduction gebracht und die hergestellte Marmelade steht am nächsten Morgen auf dem Frühstückstisch. Genial – total lecker.
Das Dorf wird zwar staatlich finanziert, steht aber auf Selbstversorgung. Die Integration der Villager ist durch die Handarbeit am sinnvollsten Möglich und wir Freiwilligen, die wir vorher von den verantwortlichen Hauseltern angewiesen wurden, leiten sie an -arbeiten aber auch selber mit.
Im Mittelpunkt bei allem steht der Villager. Er wird als Individuum betrachtet und wird unkompliziert in die Gemeinschaft einbezogen.

Die ersten Wochen:
Beer Sheva ist die letzte große Stadt bevor die Negev-Wüste beginnt. Das Kfar hat es geschafft eine grüne Oase in die ausgetrocknete Umgebung zu setzen. Liebevoll wurden viele verschiedene Baum-, Gräser-, Büsche- und Blumenarten gepflanzt. So ist es auch nicht verwunderlich, das „Ich bin im Paradies“ mein erster Gedanke war, als ich das Kfar zum ersten Mal betrat.
Schon am nächsten Tag fing ich in diesem „Paradies“ an zu arbeiten. Um 7 Uhr aufwecken, gemeinsames Frühstücken, Einweisung in die Vegane Küche, arbeiten im Ziergarten, duschen & körperliche Pflege bishin zur kreativen Abendaktivität. Mein erster 11 Stunden Tag, raubte mir den Atem. Vor Erschöpfung viel ich gleich ins Bett. Ich meine mich zu erinnern, dass ich ungefähr vier Wochen brauchte um mich richtig einzuleben. Die neue Sprache, immerzu umgeben von Menschen, die langen Arbeitzeiten, das viele Putzen und die körperliche & psychische Arbeit erschöpften meine letzten Kraftreserven.
Nach einiger Eingewöhnungszeit, viel Austausch mit anderen deutschen und israelischen Freiwilligen, unterstützte man sich schon bald gegenseitig und war von sich selber überrascht, wie viel man als Einzelner eigentlich leisten kann.
Im September begann die Zeit der Feste. Es wurden sowohl anthroposophische als auch Jüdische gefeiert. Das ganze Dorf versammelte sich dann, wir sangen, spielten Instrumente, ich nähte Kostüme und studierte mit meinem Haus kleine Stücke ein. Bei allem war jeder involviert. Langeweile im Kfar? Fehlanzeige. Es gibt immer etwas zutun.
Nach 3 Monaten hatte ich den Draht raus. Ich hatte meine zu betreunden Frauen gut im Griff. Nichts konnte mich schocken. Die Arbeit – die im Haus täglich jeden Tag anfielen wurden automatisch ausgeführt.
Meine Eveningactivity „Sport & Bewegung“ machte Spaß. Im Winter wechselte ich sie aufgrund der Kälte zu „Melodien & Rhythmen“. Mit einer israelischen Mitarbeiterin sangen wir viele Volkslieder und einfach jeder Villager fing an zu singen, zu klatschen und sich schon gleich nachdem es vorbei war, auf die nächste Woche zu freuen. Die Fortschritte die ich in jedem Behinderten, Mitarbeiter und vor allem in mir selbst sah, waren gigantisch.
Wir Co-worker hatten jeden Dienstag den Seminartag, wo die Deutschen zuerst Hebräischunterricht hatten und danach mit den Israelis zusammen eine Stunde über Anthroposophie, Umgang mit Behinderten, Health & Security, Geschichte des Kfars bishin zur praktischen Kunst- und Musiktherapie.
Alles war auf Englisch, somit konnte ich dankbarer weise mein Schulenglisch aufbessern. Das mit der Verständigung war generell eine witzige Sache. Ich hatte in meinem Haus eine deutsche Hausmutter, jedoch waren in der näheren Umgebung auch immer Israelis also wurde Englisch automatisch gesprochen. Eine Sache der Höflichkeit, die wir auch beibehielten, wenn wir Co-worker als gemischte Gruppe zusammentrafen. Nach 4 Monaten hatte ich das Gefühl, mich auf hebräisch verständlich zu machen.

Die freie Zeit:
Als Co-worker in Kfar Rafael hat man pro Tag zwischen 2 bis 2,5 Stunden Mittagspause und einen freien Tag in der Woche. Normalerweise Sonntag, Montag, Mittwoch oder Donnerstag.
Vor allem am Anfang war es für mich als Neuling sehr schwer mich an die wenige eigene freie Zeit zu gewöhnen. Aber genau das ist es was das Kfar so außergewöhnlich macht. Die meiste Zeit wird gemeinsam verbracht, das ist das Beste für die Villager, sie brauchen einen Menschen den sie kennen, den sie vertrauen können und der sollte natürlich immer da sein. Und die Aufgaben die zu der Erhaltung des Dorflebens dienen, werden auch nicht weniger.
Es muss jeden Tag Brot zum essen geben, jemand muss die reifen Feigen ernten bevor sie sich die Fliegen holen, es gibt von über 100 Menschen Wäsche zu waschen. Bis ich das begriffen habe, brauchte ich sicher ein dreiviertel Jahr. Bevor jemand als Volunteer im Kfar anfangen möchte zu arbeiten, sollte ihm das bewusst sein.
Ich hatte Mittwoch frei, zusammen mit 3 deutschen Freiwilligen und 4 israelischen Freiwilligen. Mit den Deutschen war ich besonders zu Beginn das Land erkunden. Das geht sehr gut, weil Israel vergleichsweise klein ist.
Von Beer Sheva, welches genau in der Mitte des Landes liegt, braucht man überallhin nur 2 Stunden mit dem Bus. Jerusalem, Tel Aviv mit Jaffo, das Tote Meer, Ashkelon & Mitspe Ramon waren die Hauptziele. Der Norden wurde in den freien Wochenenden (2,5 Tage) erkundet. Nach ungefähr einem halben Jahr hatten wir so gut wie alles abgeklappert was im Reiseführer stand.
Die Freundschaften wurden inniger, auch Beziehungen entstanden. Man machte nun als Co-Workergruppe mehr zusammen. Wir feierten gemeinsam Weihnachten, was die jüdischen Mitarbeiter natürlich noch nie erlebt hatten. Wir Deutschen erlebten Hannuka zum ersten Mal und waren erstaunt das die Leckerei des Festes wirklich „Berliner“ / Pfannenkuchen waren.
Als es wieder wärmer wurde, gingen wir Nachts raus in die Wüste um unter Sternenhimmel mit Kontrabass, Posaune, Djembé, Gitarren und schönen Frauenstimmen Musik zu machen. An freien Wochenenden luden mich einige israelischen Freiwilligen zu sich nach Hause ein und ich wurde in wundervoll warmherzige, freundliche Familien aufgenommen.

Die Freundschaften die dort entstanden sind reichen sogar soweit, das jetzt Israelis nach Deutschland kommen um mich zu besuchen und ich mir schon jetzt wieder Flüge nach Israel angeschaut habe um schon bald wieder dorthin zu gehen.
Und zum Schluss
Ich habe mein freiwilliges Jahr im Ausland im August 2013 abgeschlossen. Die letzten 30 Tage habe ich noch runtergezählt - soviel Vorfreude und Traurigkeit zur selben Zeit. Ein Jahr in Kfar Rafael wird ein Jahr voller Hoch’s und Tief’s: man arbeitet viel und muss psychisch ziemlich viel wegstecken können. Jedoch wird einem die Chance gegeben eine Menge zu entdecken: in Israel, in der Arbeit mit behinderten Menschen und vor allem einem selbst.

Unterkunft

In Israel herrschen westliche Standards. Im Kfar ist die Unterkunft fast schon luxuriös. Die Freiwilligen haben ein eigenes Zimmer und manchmal auch ein eigenes Bad. Sie essen zusammen mit ihren Familien. Das Essen ist aus eigenem Anbau beziehungsweise wurde eigenhändig weiterverarbeitet (Tee, Marmelade, …).

Lernerfahrung

Freude am Außergewöhnlichem
Wohlfühlen in familiärer Atmosphäre
psychische Belastbarkeit

Weiterempfehlung: Ja

1Datum der Bewertung, nicht des Einsatzes!